Ernährung

Ernährungsmythen: Werbetrends und Gerüchte – aufgeklärt

Teil 1 unserer vierteilen Serie zum Thema „Gesunde Ernährung“

Die richtige Ernährung ist ein wesentlicher Beitrag zur Gesundheit und Lebensfreude unserer Haustiere. Doch was ist „die richtige Ernährung“? Zu kaum einem anderen Thema gibt es so viele unterschiedliche Meinungen und hitzige Debatten: Ist Fertigfutter einfach praktisch oder vielleicht doch schädlich? Muss es getreidefrei sein? Welcher der unzähligen Futtermarken kann ich vertrauen? Oder soll ich doch lieber barfen? Woher weiß ich, ob mein Tier optimal versorgt ist? 

All diesen und weiteren Fragen widmet sich unser Special zum Thema Fütterung, wovon wir Ihnen jeweils einen Teil in jeder Ausgabe 2017 präsentieren werden. In Teil 2 werden wir uns genauer dem Fertigfutter widmen (Zutaten, Herstellung, Qualitätskriterien), Teil 3 wird sich mit dem Barfen bzw. Kochen befassen, und Teil 4 wird sich um häufige Ernährungsfehler und deren Vermeidung drehen. 

„Fertigfutter enthält nur minderwertige Abfälle“

Es gibt die Ansicht, dass Fertigfutter allgemein bzw. Futter bestimmter Hersteller aus extrem minderwertigen Rohstoffen hergestellt werde – es enthalte Sägespäne, Klärschlamm, abgelaufene Lebensmittel samt Verpackung, ja sogar die beim Tierarzt eingeschläferten Tiere samt Halsband – eine Horrorvorstellung für jeden Tierfreund! 

Solche Gerüchte stimmen selbstverständlich nicht. Es gibt strenge Gesetze in der EU, was zu Hunde- und Katzenfutter verarbeitet werden darf und was nicht. So dürfen nur Teile von jenen Tieren verwendet werden, die für den menschlichen Genuss für tauglich befunden wurden, die also gesund sind. Diese „tierischen Nebenerzeugnisse“ sind vor allem Innereien, die Menschen heutzutage kaum mehr essen mögen, oder auch die Hühnerkarkassen („Suppenhühner“). Futter nur aus wirklich minderwertigen Materialen, wie Federn, Köpfen, Füßen, Hörnern, herzustellen, wie manchmal behauptet wird, wäre gar nicht möglich! Ein solches Futter würde zu schweren Verdauungsproblemen führen, niemand würde es kaufen. 

Viele Gerüchte erklären sich auch durch Missverständnisse: Zellulose (die angeblichen „Sägespäne“) oder Zuckerrübenschnitzel sind keine „Abfälle“ oder „Füllstoffe“, sondern es sind bewusst hinzugefügte Ballaststoffe, die die Darmflora ins Gleichgewicht bringen und beim Abnehmen helfen sollen. 

„Zusatzstoffe sind gesundheitsschädlich“

Zusatzstoffe auf der Packung klingen erst mal „chemisch“, und viele Tierfreunde stellen sich die Frage, ob diese nicht vielleicht ungesund sind. Wozu sind diese Zusatzstoffe eigentlich da? Denn eines ist klar: Kein Hersteller verwendet „unnötige“ Zusatzstoffe, denn diese kosten schließlich auch Geld! 

In fast jedem Fertigfutter werden Sie die sogenannten ernährungsphysiologischen Zusatzstoffe finden. Es sind dies Vitamine, Spurenelemente und Aminosäuren (wie z. B. das für Katzen wichtige Taurin). Sie müssen hinzugefügt werden, da die Zutaten alleine fast nie wirklich alle Nährstoffe im richtigen Verhältnis enthalten. Sie müssen mit genauer Mengenangabe und entweder mit chemischer Bezeichnung oder der E-Nummer deklariert werden. 

Trockenfutter müssen weiters immer Konservierungsmittel und/oder Antioxidantien enthalten, da sie sonst innerhalb kurzer Zeit verderben würden (Ranzigwerden, Schimmeln) – und das wäre nicht nur unappetitlich, sondern auch schädlich für unsere Tiere. 

Feuchtfutter (Dosen, Schälchen, Frischebeutel) werden durch Autoklavieren (Hitze und Dampf) haltbar gemacht und enthalten keine Konservierungsmittel. Ein Dosenfutter „ohne Konservierungsmittel“ ist daher nichts Besonderes! 

Sämtliche verwendeten Zusatzstoffe müssen übrigens deklariert werden – das bedeutet, kein Hersteller darf hier „schummeln“. Weiters dürfen nur Zusatzstoffe eingesetzt werden, die zugelassen sind – das bedeutet, dass sowohl ihre Wirkung als auch ihre Unschädlichkeit bewiesen sein muss. Bisher ist kein Fall bekannt, in dem ein Zusatzstoff einen gesundheitlichen Schaden verursacht hätte. Auch „Allergien auslösen“ können sie nicht, da sie zu kleine Moleküle sind, die das Immunsystem gar nicht erkennt. 

„Getreide ist unnatürlich und ungesund“

„Getreidefrei“ ist derzeit die populärste Werbeaussage auf Hunde- und Katzenfutter, getreidefreie Fütterung wird vor allem von Anhängern des BARF propagiert. Sie behaupten, Getreide komme in der „natürlichen Ernährung“ von Hunden und Katzen nicht vor – aber stimmt das? Wenn wir uns echte Wildtiere (Wölfe, Löwen) ansehen, dann natürlich schon. Gerade aber unsere Hunde leben seit Jahrtausenden in sehr enger Beziehung mit dem Menschen, von dem sie auch ihre Nahrung bekommen (sei es in Form von absichtlicher Fütterung, sei es vom Misthaufen) – und die Nahrung des sesshaften Menschen besteht nun mal zum Großteil aus Kohlenhydraten, in unseren Breiten aus Getreide (Weizen, Roggen, Gerste, Hafer). Haushunde haben sich daher an eine getreidereiche Kost angepasst und können Kohlenhydrate wunderbar verdauen und verwerten. Auch Katzen können Kohlenhydrate grundsätzlich verwerten; dass ihnen die Enzyme dazu fehlen, ist falsch. Sie vertragen aber nur geringere Mengen. Frisst eine Katze zu viel Stärke, bekommt sie Durchfall. 

Das in der menschlichen Ernährung derzeit so verteufelte Gluten hat ebenfalls keinerlei schädliche Auswirkungen auf Hunde und Katzen. Es ist auch nicht das „häufigste Allergen“ – eine Allergie gegen Gluten (und andere pflanzliche Proteine) ist möglich, aber seltener als Allergien gegen Fleisch. 

Es gibt also keinen Grund für getreidefreie oder glutenfreie Fütterung. Eine „Glutenunverträglichkeit“ (ähnlich der Zöliakie beim Menschen) gibt es bei Hund und Katze nicht. Ebenso gibt es keine Krankheit, bei der eine glutenfreie oder getreidefreie Diät sinnvoll wäre. 

„Man darf unterschiedliche Futter nicht mischen“

Die Annahme, man dürfe unterschiedliche Futterarten (wie Trocken- und Dosenfutter oder Trockenfutter und BARF) nicht mischen, da sie „unterschiedlich verdaut werden“ und dies Schäden verursachen könne, ist so nicht ganz richtig. Die Verdauung funktioniert natürlich immer gleich – Verdauungsenzyme werden produziert, wenn unverdaute Nahrung im Darm vorliegt, egal, wie diese zubereitet wurde. Die Verdauungszeit hängt dabei schon von der Zusammensetzung der Nahrung ab, vor allem vom Fettgehalt – fetthaltiges Futter liegt länger im Magen. 

Ein abrupter Wechsel zwischen unterschiedlichen Futterarten (wie Trockenfutter und BARF) kann bei empfindlichen Tieren manchmal zu Verdauungsstörungen führen, da die Darmflora ein paar Tage Zeit braucht, um sich an das neue Milieu anzupassen. Darum wird empfohlen, einen Futterwechsel kontinuierlich über mehrere Tage durchzuführen (also das alte Futter zuerst nur mit einer geringen Menge des neuen Futters zu vermischen und die Menge jeden Tag etwas zu erhöhen). 

Wenn Hund und Katze es vertragen, ist es aber überhaupt kein Problem, verschiedene Futterarten an einem Tag oder sogar in einer Mahlzeit zu kombinieren. Irgendwelche Schäden sind dadurch nicht zu befürchten. 

„Knoblauch vertreibt Parasiten“

Es gibt die Auffassung, Knoblauch sei ein tolles Naturheilmittel und würde sowohl innerliche (Würmer) als auch äußerliche (Zecken, Flöhe) Parasiten abwehren, und man könne sich daher die teuren, „chemischen“ Parasitenmittel vom Tierarzt sparen. Man kann sogar Hundefutter mit Knoblauch oder Schnittlauch unter den Zutaten und Knoblauchgranulat als Ergänzung für Hunde, Katzen oder Pferde kaufen.

Hände weg! Fakt ist: Knoblauch ist, wie alle Zwiebelgewächse (Zwiebel, Lauch, Schnittlauch, Bärlauch), für Hunde und Katzen giftig. Eine positive Wirkung oder eine Wirkung gegen Parasiten besteht nicht! 

Auch wenn die empfohlene Dosis (wie etwa eine Zehe pro Tag) unter der als akut toxisch bekannten Dosis liegt, ist bisher ungewiss, ob die langfristige Einnahme kleiner Mengen wirklich harmlos ist oder ob sich die Giftstoffe nicht im Körper anreichern. Vermeiden Sie dieses Risiko! Lassen Sie sich über die Möglichkeiten der Behandlung gegen Parasiten vom Ihrem Tierarzt beraten. 

„Man kann an einem Blutbild erkennen, ob das Tier optimal ernährt wird“

Einige Labors bieten ein sogenanntes „BARF-Profil“ an, bei dem neben Organwerten auch der Gehalt an Nährstoffen im Blut gemessen wird. Leider ist das nicht wirklich sinnvoll. Man kann die Nährstoffe im Blut schon zuverlässig messen – das sagt aber nicht wirklich etwas drüber aus, ob die Fütterung korrekt ist. Veränderungen im Blut sieht man nämlich erst, wenn die Reserven des Körpers erschöpft sind oder eine Vergiftung vorliegt. Bei den besonders kritischen Nährstoffen Kalzium und Phosphor wird der Blutspiegel vom Körper besonders streng geregelt, da Abweichungen lebensgefährlich wären. So werden bei einem Kalziummangel zuerst die Knochen demineralisiert (das Tier hat dann massive Beschwerden), bevor der Blutkalziumspiegel absinkt. 

Es kann also sein, dass die Blutwerte „in Ordnung“ sind und der Besitzer sich in Sicherheit wiegt, obwohl die Fütterung Mängel aufweist, die sich eben noch nicht klinisch bemerkbar machen. Doch warum warten? Die einzig sinnvolle und aussagekräftige Methode zur Überprüfung der Fütterung ist – die Überprüfung der Fütterung! Bei einer professionellen Ernährungsberatung wird berechnet, welche Nährstoffe dem Tier derzeit über die Nahrung zugeführt werden, ob dies dem Bedarf entspricht oder ob etwas fehlt, und falls ja, wie das am besten ergänzt werden kann. 


Dr. Stefanie Handl

Fachtierärztin für Ernährung und Diätetik / Diplomate ECVCN

Strohgasse 12/15
1030 Wien
Tel.: 01 955 44 12

  • Dr. Stefanie Handl studierte in Wien Veterinärmedizin.
  • Sie schrieb ihre Doktorarbeit am Institut für Tierernährung und arbeitete dort insgesamt 10 Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin.
  • In dieser Zeit absolvierte sie auch einen Forschungsaufenthalt an der Texas A&M University.
  • Dr. Handl ist Fachtierärztin für Ernährung und Diätetik und Diplomate des European College of Veterinary and Comparative Nutrition (ECVCN). Damit ist sie die einzige in Österreich praktizierende Tierärztin mit dieser Fachausbildung in Tierernährung.
  • Seit 2013 betreibt sie eine Praxis ausschließlich für Ernährungsberatung, in der sie Tierbesitzer berät und auch mit Tierarztkollegen und Tierkliniken zusammenarbeitet. www.futterambulanz.at
  • Anfragen und Terminvereinbarungen telefonisch (01 9554412) oder per E-Mail: anfrage@futterambulanz.at

Fotocredits

© fotos.com, shutterstock.com – Rick‘s Photography


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