Erziehung

TOP 10 HUNDE-IRRTÜMER, Teil 1

1. „Der will nur spielen“

Von Conny Sporrer

Neben „Der tut nix“ die wahrscheinlich meist gerufene Aussage unter Hundehaltern, die ihren Hund dann doch nicht so ganz unter Kontrolle haben. Und ein Fehldenken vieler Hundemenschen, die tagtäglich durch die Hundeauslaufgebiete dieser Welt streifen, um für ihren Hund Sozialkontakte zu suchen. Fakt ist aber: Der Mensch ist ein mindestens ebenso hochwertiger Sozialpartner für einen Hund wie dessen Artgenossen. Das ist ein Privileg, das Hunden (und auch uns Menschen) als einzigen Lebewesen vorbehalten ist: einen Artfremden als vollwertigen Partner betrachten zu können.

Das heißt für uns Hundehalter aber auch, dass Beschäftigung, Spiel und Kontakt mit unseren Vierbeinern für diese ebenso erfüllend wäre, wie die Interaktion mit Artgenossen ... wenn für uns auch etwas aufwendiger. Es ist nämlich schon recht bequem, seinen Hund in der Hundezone einfach laufen zu lassen und wieder nach Hause zu gehen, wenn er nach ausreichendem Toben mit anderen Hunden müde ist. Damit verbauen wir uns allerdings die Chance, uns für unseren Vierbeiner so interessant zu machen, dass er seine Aufmerksamkeit stärker auf uns richtet und daher auch besser rückrufbar ist.


Dazu kommt, dass erwachsene Hunde das echte, sog. „freie Spiel“ eigentlich seltener zeigen, als die meisten denken. Welpen und Junghunde spielen ja noch wesentlich mehr, was eine Vorbereitung darauf ist, Auszüge aus verschiedensten Motivationskreisen später für den Ernstfall zu üben. Das Spiel dient also der Entwicklungsförderung. Erwachsene Hunde haben diesen Prozess weitestgehend hinter sich – sie zeigen echtes Spiel also in der Regel eher nur mit sehr vertrauten Hunden. Das kennen wir ja von uns selbst. Oder setzen Sie sich als erwachsene Person manchmal mit Spielkarten in den Park und sprechen Fremde an, um sie zum Mitspielen zu bewegen? Eher nicht. Als Kind haben Sie das aber mit großer Wahrscheinlichkeit getan, um Ihre Kompetenzen zu testen und zu verbessern und sich schlicht auszuprobieren. Als Erwachsene spielen Sie jetzt aber, wenn überhaupt, nur mehr mit vertrauten Freunden.


Was also oft als Spiel zwischen erwachsenen Hunden gedeutet wird, ist sehr oft (meist einseitiges) sexuelles Interesse, das dann zu einem Spiel wird, oder z. B. auch territoriales Begrenzen, das oft als Jagdspiel interpretiert wird. Es gibt eine Reihe wichtiger Merkmale für echtes, losgelöstes Spiel, eines der wichtigsten dabei ist der Rollentausch. Dass also die Rolle zwischen Jäger und Gejagtem regelmäßig wechselt, um eine Ausgeglichenheit beider Spielpartner zu schaffen.

 

2. „Wenn der Hund mit dem Schwanz wedelt, freut er sich“

Schwanzwedeln ist nicht immer ein Ausdruck von Freude.

Schwanzwedeln kann auch ein Ausdruck von Freude sein, allerdings ist es mitnichten ein genereller Ausdruck von Freude. Denn ganz generell betrachtet ist Schwanzwedeln ein Ausdruck von Erregung. Diese kann wiederum aus allen möglichen Motivationen kommen: jagdliche Erregung – beim Dackel, der im Mäuseloch buddelt und wild mit der Rute wedelt; aggressive Erregung – wenn Hunde einander drohen und ihre Ruten breit schwingend in Verlängerung des Rückens wedeln; sexuelle Erregung – wenn beispielsweise ein Rüde auf eine attraktive Hündin trifft und von der Rutenspitze viele kleine vibrierende Bewegungen ausgehen, oder auch unsichere Erregung – wenn die Rute ziellos in alle möglichen Richtungen schwingt.

Gut ist aber, dass sich die Stimmung des Hundes durchaus über die Haltung und Bewegungen der Rute erkennen lässt. So ist ein freundliches, beschwichtigendes Wedeln, welches häufig zur Begrüßung gezeigt wird, eher tief angesetzt. Je höher die Rute getragen wird, desto mehr möchte der Hund imponieren und folglich auch Duft aus seinem Analbereich verteilen, das Wedeln ist dieser Absicht dienlich. So ziehen Hunde wiederum bei Angst oder Unsicherheit die Rute ja oft auch bis zum Bauch ein, um diese Duftverteilung eben möglichst zu vermeiden und nicht auf sich aufmerksam zu machen. Manche Rassen haben anatomisch geformte Ruten, die sich wie automatisch über den Rücken biegen. Dennoch können sie ihre Rute auch anders tragen, beim Schlafen hängt sie auch entspannt herunter. Man kann also sagen, dass diese Hunde eine gewisse „Grundbeeindruckung“ ausstrahlen möchten.
Allgemein gilt: Je schneller das Wedeln, desto größer ist der Erregungszustand – gleich welche Motivation dahintersteckt.

3. „Große Hunde brauchen ein Haus mit Garten“

Hunde würden immer die Nähe des Menschen suchen und brauchen - deshalb kein grosses Haus mit Garten.

Wahrscheinlich einer der größten Irrtümer der Hundehaltung überhaupt. Wie vorher schon erwähnt, ist der Hund ein echter Sozialpartner des Menschen geworden, der eng und vertraut mit ihm zusammenlebt. Das heißt auch, dass bei einem großen Haus mit 20 ha Grundstück und 250 qm Wohnfläche ein Hund mit guter Beziehung zum Menschen trotz der Weitläufigkeit automatisch die Nähe seines Halters sucht. Befindet sich die Familie beispielsweise im Wohnzimmer, wird der Hund trotzdem immer bestrebt sein, dabei zu sein – egal ob er 50 kg hat oder nur 8 kg.

Ein Hund wird also die Bewegungsfreiheit in einem so großen Haus nicht mehr schätzen und nutzen, als in einer 50-qm-Wohnung mitten in der Stadt. Generell hat auch die Natur vorgesehen, dass die „Höhle“ ein Rückzugsort zum Schlafen und Energietanken ist, in der man sich sozusagen in Ruhe auf den nächsten Jagdausflug vorbereiten kann. Lässt man den Hund dann in den großen Garten, wird er das Platzangebot ebenso nutzen wie jenes, das ihm auch auf der Hundewiese zur Verfügung steht. Mit einem Vorteil: Es ist für den Menschen bequemer, seinen Vierbeiner „mal eben“ in den Garten zu lassen. Folglich empfinde ich es für den Hund sogar oft als Nachteil, einen großen Garten zur Verfügung zu haben, da die Menschen dann eben oft auf aufregende Abenteuerspaziergänge verzichten und eher verleitet sind, stupide Ballwurfspiele im Garten zu machen, um den Hund entsprechend auszupowern.


Wahrscheinlich kommt dieser Irrglaube noch aus der Zeit, in der Hunde noch echte Funktionen wie das Bewachen von Grundstücken hatten. Dies sollte aber für Hunde, die in unserer Gesellschaft klarkommen müssen, bei weitem keine primäre Aufgabe mehr sein. Lasse ich meinen Hund nämlich Tag und Nacht in Haus und Garten patrouillieren, kann ich nicht von ihm erwarten, dass er erwünschte Besucher freundlich empfängt oder draußen an der Leine jegliche Funktionen abgibt.

4. „Die machen sich das schon selber aus“

Hundebegegnungen sollten kontrolliert ablaufen, damit der Hund nicht lernt sich irgendetwas "selber auszumachen".

Wahrscheinlich auch eine der Top-3-Hundewiesen-Weisheiten. Seit Jahren frage ich mich, was „das“ aber eigentlich sein soll? Wenn jemand nun meint: „Na, die Rangordnung!“ dann kann ich nur kopfschüttelnd widersprechen. Hunde, die sich im Park begegnen und nicht miteinander im Rudel leben, müssen keinesfalls eine Rangordnung bilden. Natürlich kann es auch bei diesen „kurzfristigen“ Begegnungen soziale Interaktionen geben, die zeigen, wer z. B. der Souveränere von beiden ist. Das hat aber noch nichts mit der Bildung einer Rangfolge zu tun.


Ehrlich gestanden habe ich früher naiverweise auch nach diesem Prinzip gehandelt und meinem damaligen Hund attestiert, die Sache schon selber regeln zu können. Mit dem unerfreulichen Ergebnis, nach kurzer Zeit einen Hund zu haben, der sich die Dinge tatsächlich „selbst ausmachte“ – und zwar ungefragt. Wir leben in einer Gesellschaft und Zeit, in der wir unsere Hunde, so hart es klingen mag, möglichst zur Unselbstständigkeit erziehen müssen und sie auch geistig nicht so richtig erwachsen werden lassen sollten. Ein hohes Maß an kindlicher Naivität erleichtert nämlich so ein Hundeleben ungemein. Wenn ein erwachsener, sehr reifer Hund seine territoriale Aufgabe beispielsweise durchaus ernst nimmt, kann der Gassigang durch die eigene Straße zum nervenaufreibenden Spießrutenlauf werden. Ein verspielter, infantiler Vierbeiner hingegen wird sich – blauäugig wie ein Welpe – über jeden freuen, der ihm entgegenkommt.


Ziel sollte es also sein, bei Hundebegegnungen möglichst im Sinne des Hundes zu handeln, ihn vor potenziell unangenehmen Begegnungen zu schützen bzw. auch einmal einzugreifen, wenn es ihm zu heftig wird. Tut man dies nicht, ist der Vierbeiner im Zweifel: „Frauli oder Herrli sind eigentlich keine guten Vertrauenspersonen und in brenzligen Situation nicht für mich da – ich muss das wohl selbst klären.“

5. „Kamphunde sind aggressiv“

Körperliches Begrenzen wird fälschlicherweise oft als Spiel interpretiert.

Hier muss nichts beschönigt werden: Kampfhunde wurden ursprünglich zum Kampf gezüchtet! Allerdings nicht gegen Menschen, sondern gegen Tiere wie Bären, Bullen , Ratten oder leider auch andere Hunde. Daher kommen auch die Namen vieler Hunde dieser Rassen: „Pitbull“ zum Beispiel, setzt sich aus „Pit“ (=Kampfarena) und „Bull“ (=Stier) zusammen. Dazu muss aber auch betont werden, dass in England, woher die meisten dieser offiziell „doggenartig“ genannten Hunde stammen, bereits 1835 Hundekämpfe verboten wurden. Dies hatte aber leider zur Folge, dass sich das beliebte Schauspiel in die USA und andere Länder verlagerte. Bis heute finden illegale Kämpfe statt, was dem Rassebild natürlich kein besseres Image verleiht.

Dennoch ist unbedingt zu betonen: Aggression gegen Menschen war bei diesen Hunden gänzlich unerwünscht! Menschen waren schließlich die Veranstalter dieser Kämpfe, mussten die Hunde nachher oft trennen und aus den Arenen bringen – da wäre ein Biss in den Arm äußerst unpassend gewesen. In keiner Weise ist diesen Hunden also eine Grundskepsis Menschen gegenüber anzudichten, zumindest nicht mehr als bei anderen Rassen: Schlechte Sozialisierung oder das gezielte Scharfmachen dieser Hunde sind leider oft die Gründe für ihr medial auch bestens ausgeschlachtetes negatives Renommee. Würde man einen Yorkshire Terrier, der übrigens ebenso wie der American Pitbull Terrier ursprünglich für das Fangen von Ratten gezüchtet wurde, gegen Menschen scharfmachen, kämen dieselben Verhaltensweisen zum Vorschein. Allerdings mit dem Unterschied, dass das Gebiss eines Pitbulls wesentlich breiter und damit auch kräftiger ist, als das kleine Mäulchen eines Yorkis.

TEIL 2

6. „Kleine Hunde darf man nicht hochheben“
7. „Der Mensch muss immer zuerst durch die Türe gehen“
8. „Mein Hund versteht jedes Wort“
9. „Anspringen ist eine Form der Begrüßung“
10. „Hunde müssen täglich mind. eine Stunde spazieren gehen“


Fotocredits

(c) ingimage.com, Grande-Kosmos, Klaus Grittner


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