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Moderne Schmerztherapie

All unsere Haustiere leiden manchmal an Schmerzen. Ob durch Verletzungen verursacht oder durch chronische Krankheiten bedingt, ob bei Hund, Katze , Kaninchen oder Meerschweinchen ist das Schmerzmanagement ein elementarer Bestandteil der Veterinärmedizin. Die Bekämpfung und Linderung von Schmerzen ist einer der wichtigsten Aspekte im Heilungsverlauf bei akuten und chronischen Krankheiten sowie nach Operationen. War man früher der Ansicht, Tiere verspüren keine Schmerzen oder diese spielen eine untergeordnete Rolle, so hat sich diese Sicht glücklicherweise dramatisch verändert. Akute Schmerzen sind ein frühes Warnsignal des Körpers und erfüllen eine wichtige Aufgabe, nämlich die der Warnung vor noch größeren Schäden! Persistiert der Schmerz aber länger als drei Monate, spricht man vom chronischen Schmerz, der sich im weiteren Verlauf zur Schmerzkrankheit auswachsen kann. Nicht das eigentlich verursachende Problem ist weiter für den Schmerz verantwortlich, der Schmerz hat sich verselbstständigt und bleibt dem Patienten als Krankheit erhalten, manchmal auch noch, wenn der eigentliche Reiz längst verschwunden ist.

Das Schmerzgedächtnis liegt im Gehirn verankert, und selbst ein winziger Reiz an bereits vorher geschädigter, aber wieder geheilter Stelle kann fatale Folgen haben und ein Schmerzerlebnis der besonderen Art erzeugen. Nicht nur beim Menschen, auch bei unseren Haustieren gibt es ein solches Schmerzgedächtnis.

Schmerzen haben immer zwei Komponenten:

Die sensorische Komponente ist verantwortlich für die Wahrnehmung und Weiterverarbeitung des Schmerzreizes über das Nervensystem.

Die emotionale Komponente ist eine individuelle Erfahrung, die mit der Zerstörung des betroffenen Gewebes Hand in Hand geht.

Somit sind Schmerzen nicht nur individuell unterschiedlich, jeder Patient ob Katze oder Hund, empfindet und reagiert anders, da neben den Schmerzrezeptoren auch vegetative Nerven und Teile des Gehirns in das Schmerzerlebnis involviert sind.

Junge Tiere empfinden Schmerz unangenehmer oder stärker als ältere, manche Stellen des Körpers, wie unter anderem der Nasenspiegel oder die Schwimmhäute, sind schmerzempfindlicher als andere. Katzen haben beispielsweise wesentlich mehr Schmerzsensoren im Kniegelenk als Hunde und brauchen nach einem chirurgischen Eingriff relativ mehr und länger Schmerzmittel als diese.

Es gibt eine Reihe unterschiedlicher Ursachen für Schmerzen. Anhand dieser Ursachen trifft die Medizin eine Einteilung.

Der Nozizeptorschmerz entsteht durch die Erregung von Schmerzfasern durch thermische, chemische oder mechanische Reize (Verbrennungen, Insektenstiche, Schläge, Bisse). Der Schmerz ist meist lokalisiert. Auch Schmerzen, die durch akute oder chronische Entzündungen hervorgerufen werden zählen dazu.

Der Neuropathische Schmerz entsteht durch die unentwegte Irritation und die damit verbundene Schädigung von schmerzleitenden Nervenfasern in ihrem Verlauf. Je nachdem, ob einer oder mehrere Nerven betroffen sind, spricht man von einer Mono- oder Polyneuropathie. Auch Stoffwechselkrankheiten wie Diabetes oder Schilddrüsenfunktionsstörungen sind in der Lage, neuropathische Schmerzen zu verursachen.

Neuropathische Schmerzen können, wenn sie lange genug bestehen und entsprechend intensiv sind, sogar strukturelle Veränderungen im zentralen Nervensystem                       (Rückenmark und Gehirn) auslösen. Diese „eingebrannte“ Art von Schmerzen lässt sich nicht mehr erfolgreich therapieren. Beim Menschen werden versuchsweise Elektroden ins zentrale Nervensystem implantiert, mithilfe derer diese chronischen Schmerzen bekämpft werden können.

Reaktive Schmerzen werden durch gestörte motorische oder vegetative Reflexe erzeugt und sind mitunter die häufigste Ursache für chronische Schmerzen im Bewegungsapparat. Unsere Hunde leiden sehr oft daran.

Phantomschmerzen empfinden manche Patienten nach Amputation oder anderwärtigem Verlust einer Gliedmaße oder Teilen davon. Auch nach Spinalnervenausrissen bei Wirbelsäulenverletzungen kann es zu starken Phantomschmerzen kommen. Bei Katzen sieht man nach Schwanzabrissen oder nach Beckenfrakturen ein heftiges bis aggressives Belecken der Beckenregion, viele Tiere wollen sich ab der Körpermitte sogar nicht mehr berühren lassen. 

Psychosomatische Schmerzen sind der körperliche Ausdruck großer psychischer Belastung und auch bei unseren treuesten Begleitern, den Hunden, zu finden.

Unter Allodynie versteht man eine Schmerzreaktion auf einen an sich nicht schmerzhaften Reiz, beispielsweise durch eine sanfte Berührung. Dieser Zustand ist für den Patienten besonders schwierig zu ertragen.

Schmerzen beschäftigen also nicht nur den Ort des Entstehens, sondern sind durch die Verschaltung der Einzelteile des gesamten Nervensystems untereinander eine multidimensionale Erfahrung, die viele Teile des Gehirns, die mit dem Gedächtnis und den Gefühlen eines Lebewesens befasst sind, beschäftigt. Schmerz ist nicht nur das, was unsere Haustiere fühlen, es geht dabei auch darum, wie sie sich dabei fühlen.

Oftmals erscheinen Schmerzpatienten depressiv, bisweilen sogar lebensverdrossen, sie zeigen wenig Mimik, kaum Ohrspiel und gehen mit gesenktem Kopf. Sie verweigern das Fressen und wollen sich nicht bewegen. Nur selten, und das meist bei sehr starken Schmerzen, hört man Klagelaute und Winseln. Wie der Mensch läuft auch der Hund nicht auf der Straße und jault laut vor sich hin, wenn das Hüftgelenk oder der Ellbogen schmerzt. Überwiegend sieht man nur das mehr oder weniger deutliche Lahmen als Ausdruck des empfundenen Schmerzes.

Auch stetes Zurückbleiben bei Ausgängen, das plötzliche Nichtmehreinsteigenwollen ins Auto oder das Liegenbleiben am Boden, selbst wenn das gemütliche Sofa ruft, kann der stille Ausdruck von Schmerz sein. Katzen signalisieren Schmerzen meist mit Rückzug in stille Ecken. Nager verweigern rasch das Futter und ziehen sich in ihre Verstecke oder Unterstände zurück.

Um Schmerzpatienten optimal zu helfen, ist ein angemessenes Management nötig.

Die umfangreiche Aufklärung des Halters ist wesentlicher Bestandteil der Behandlung, denn dieser liefert die nötigen alltäglichen Beobachtungen, die den Therapieverlauf erfolgreich machen. Veränderungen im Gangbild gehören genauso dazu wie die Veränderungen in Psyche und Körper. Manchmal können Lahmheiten optisch nicht besser werden, weil degenerative Veränderungen an Gelenken den Bewegungsradius einschränken. Aber die oftmals damit verbundenen Schmerzen können wir bessern oder gar eliminieren, selbst wenn Patienten dann immer noch nicht „schöner“ gehen, tut es zumindest nicht mehr weh. Und das ist das Entscheidende.

Schmerzmittel sind ein wichtiger Bestandteil der Schmerztherapie und sollten neben anderen, nicht pharmakologischen Behandlungsmaßnahmen wie Akupunktur, Neuraltherapie, Osteopathie, Chiropraktik, Laserbehandlungen, physikalischer Rehabilitation, Ernährungsumstellung, Bewegungstraining uvm. frühzeitig angewendet werden, um das Entstehen von pathologischen Schmerzen und Schmerzgedächtnis zu verhindern. Natürlich sind nicht alle Behandlungsmethoden bei allen Tieren anwendbar, aber Medikamente zur Schmerzstillung gibt es praktisch für jeden Patienten, ob Maus oder Dogge. Übermäßige und/oder lang andauernde Schmerzen sind immer schlecht für den Heilungsverlauf, denn sie belasten den Patienten nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. 

Deswegen tragen sanfter, liebevoller Umgang sowie schonende Operationstechniken zusätzlich zur rascheren Heilung bei.

Viele Medikamente können leider nur über einen begrenzten Zeitraum verabreicht werden, da die meisten entzündungshemmenden und schmerzeliminierenden Mittel relativ rasch Nebenwirkungen zeigen. Das ist besonders bei jungen Tieren von Bedeutung, die 

Besonders häufig sind der Magen-Darm-Trakt sowie die Leber und die Nieren betroffen.

Deswegen finden in letzter Zeit viele neue Methoden auch Eingang in die Veterinärmedizin.

Die Behandlung mit körpereigenen Stammzellen, die Anwendung von autolog- konditioniertem Plasma, aber auch die Implantation von winzigen Golddrahtstückchen oder die Applikation von Gold-Microimplants bieten nebenwirkungsfreie Behandlungsansätze und können bei Hund und Katze für zahlreiche Indikationen verwendet werden(Osteoarthrosen, Sehnen- und Bänderverletzungen, schlecht heilende Frakturen, Muskelrisse ...).

Und über einen längeren Zeitraum betrachtet sind sie im Vergleich zu herkömmlichen Medikamenten nicht nur sicherer, sondern auch deutlich kostengünstiger.


Univ.-Lektor Dr. Karl Grohmann

Fachtierarzt für Kleintiere und FTA für Akupunktur und Neuraltherapie
Tierklinik Korneuburg
Laaer Straße 62
2100 Korneuburg

Tel.: +43 2262 75520

Fotocredits

© Dr. Karl Grohmann, ingimage.com


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